„Buono, pulito e giusto“ – „Slow Food Luxemburg“ besteht seit 15 Jahren

Luxemburg. „Am 18. November 1999 gründeten 20 Leute das Konvivium Slow Food Luxemburg“, erklärte Präsident Thierry Origer bei der Generalversammlung am 15. Geburtstag der Vereinigung in den „Carré Rotondes“ in Luxemburg-Hollerich.

„Langsames Essen“ wurde offiziell 1989 in Paris von dem Italiener Carlo Petrini gegründet und zählt heute über mehr als 80.000 Mitglieder in 104 Ländern auf den fünf Kontinenten mit Sitz in Bra (Italien). „Slow Food“ steht für genussvolles, bewusstes und regionales Essen und bezeichnet eine Gegenbewegung zum globalisierten „Fast Food“. Die Bewegung bemüht sich um die Erhaltung der regionalen Küche in Luxemburg sowie in der Großregion mit heimischen pflanzlichen und tierischen Produkten. Der Gründer definierte 2006 die Grundbegriffe der „Neuen Gastronomie“ mit den Worten „buono, pulito e giusto – gut, sauber und fair“ und wenn eines dieser Elemente fehle, sei das laut Petrini nicht „Slow Food“.

Thierry Origer

Thierry Origer, Präsident von Slow Food Luxembourg asbl

Origer präsentierte den Kassenbericht und warf anschließend einen Blick auf kommende Veranstaltungen. So sind ein „Schokoladenabend“ am kommenden 2. Dezember geplant, sowie eine Teilnahme an den europäischen Tourismustagen 2015 in Echternach, Besuche bei verschiedenen Produzenten, in Brennereien sowie in Obstanlagen. Drei- bis viermal wird „Slow Food Luxemburg“ auf dem hauptstädtischen Gemüse- und Blumenmarkt präsent sein, um Kinder auf spielerische Art und Weise in die Philosophie von „Slow Food“ einzuführen. Der Präsident wies ebenfalls darauf hin, dass im Norden des Großherzogtums noch viel Potenzial im Sinne von „Slow Food“ vorhanden sei. Zum Abschluss der Generalversammlung präsentierte Holger Gettmann den „Guide O – Einkaufen und Essen mit Genuss im Saarland, Elsass und in Lothringen, Luxemburg und Trier“.

Zur anschließenden Geburtstagsfeier sahen sich die Mitglieder den Film „Slow-Food-Story“, ein autobiografischer Film des Gründers Carlo Petrini, an und schmeckten „Presidio“-Produkte des „Salone del Gusto“ aus Turin. Hierbei handelt es sich hochwertige Produkte, die aus dem traditionellen Lebensmittelhandwerk stammen und die es zu bewahren gilt.

Der Vorstand von „Slow Food Luxemburg“ setzt sich derzeit zusammen aus Präsident Thierry Origer, Vizepräsident Romain Bock, Kassierer Paul Wagener und Sekretär Gérard Baum sowie aus den Mitgliedern Robert Garcia, Camille Groos, John Kircher und Brigitte Konz. (G.L.)

Slow Food – „Gut, sauber und fair“

Slow Food ist nicht nur deswegen das Gegenteil von Fastfood, weil man Slow Food lansam verspeisen und nicht eilig verschlingen sollte. „Gut, sauber und fair“ müsse das Essen sein, meinte der Italiener Carlo Petrini, als er 1986 die Slow Food-Bewegung gründete. Es war seine Reaktion darauf, dass sich neben der Spanischen Treppe in Rom gerade ein McDonalds etabliert hatte und 19 Italiener an mit Methanol verpanschtem Wein gestorben waren. 28 Jahre später wollen immer mehr Menschen qualitativ hochwertige Lebensmittel, deren Herkunft sie kennen und die auch zu fairen Konditionen hergestellt wurden. „Wir sind eine Bürgerbewegung“, sagt Thierry Origer. Er steht ebenso wie Sylvie Ferrari einem der beiden luxemburgischen „Convivien“ von „Slow Food“ vor. Ein paar hundert Mitglieder sind im Großherzogtum aktiv, weltweit sind es etwa 100 000.

Das „Recht auf Genuss“ propagierte die Slow Food-Bewegung damals. Und das trug ihr den Vorwurf ein, abgehoben zu sein, einen elitären Luxus für Reiche zu wollen. Denn die von Slow Food verlangte Qualität kostet Geld. Fleisch von gesunden Schweinen, Eier von freilaufenden Hühnern, Sahne und Käse von tatsächlich glücklichen Kühen, Weizen und Kartoffeln aus einem Anbau ohne chemische Keule, Nahrungsmittel aus der Region und der Jahreszeit gemäß – das muss man sich auch leisten können. „Es geht immer noch ums Geld. Und da ist die Wirtschaftskrise, für das breite Publikum gesehen, nicht hilfreich für das Weitergehen in dieser Richtung“, formuliert Origer. Freilich sei die Frage, was wirklich „teuer“ sei, nicht so einfach zu beantworten. „Es gibt Leute, die mittags für 13 Euro eine Pizza essen, denen es aber zu teuer ist, wenn man ihnen für 20 Euro „preiswürdiges“ Gericht vorsetzt, welches mit viel höherem Aufwand an Arbeit und Warenwert hergestellt ist“, sagt er.

Nicht mehr als ein Zehntel der Luxemburger legten die Slow Food-Kriterien beim Einkauf an, schätzt Origer. Beim Einkauf in Supermärkten, die „fast sämtliche kleine Läden bei uns zerstört“ hätten. Statt des „Rechts auf Genuss“ plädiert Slow Food, deren Logo eine Schnecke ist, jetzt deutlicher für die Errichtung von Netzwerken: Produzenten, Händler, Gastronomen und Verbraucher sollen sich klar darüber sein, dass Erzeugung und Verarbeitung die Schlüsselrolle bei gutem Essen spielen.

Thierry Origer

Thierry Origer, Präsident von Slow Food Luxembourg asbl

Mittlerweile gibt es auch in Luxemburg eine ganze Reihe von Produzenten und Restaurants, die sich der Slow Food verschrieben haben (siehe „Guide Orange„).

Einfach ist das nicht: Wer als Koch Slow Food anbieten möchte, wird mit dem Angebot, das der seit langem marktbeherrschende Gastro-Lieferant La Provençale anbietet, nicht auskommen. Er wird – wie es seit längerem beispielsweise auch Hans Poppelaars im „Manoir Kasselslay“ in Roder praktiziert – seine Arbeitsmaterialien einzeln bei Produzenten in der gesamten region einkaufen müssen. „Natürlich ist das machbar. Es ist halt viel zeitaufwendiger“, sagt Origer. Zur Slow Food gehört, dass derChef seine Lieferenten öffentlich macht. Das geschehe allerdings nur „sehr, sehr selten“, bedauert er.

„Essen, was man erhalten möchte“, lautet ein anderes Slow Food-Prinzip. Eine „Arche des Geschmacks“ gibt es deswegen auch – es ist das Anliegen, die biologische Vielfalt zu wahren. Also zu verhindern, dass einst verbreitete Tierrassen oder Pflanzenarten unwiederbringlich verschwinden, weil sie dem gerade herrschenden Mainstream nicht mehr entsprechen. Was dem einen die Maastrichter Kalbfleischpastete oder das finnische Kalakukko ist, ist für den anderen das Bunte Bentheimer Landschwein oder möglicherweise auch die an der Mosel mehr als 2000 Jahre heimische Elbling-Rebsorte.

Hoffnung macht Origer, dass es trotz der wirtschaftlichen Zwänge ein wachsendes Bewusstsein für bessere Qualität des Essens gebe. Sogar die Lebensmitteldiscounter bieten mittlerweile „Bio“-Produkte an. „Es geht nicht um Bekehrung, es geht um Überzeugung mit Argumenten. Nur indem sie vergleichen können, können die Menschen auch sehen, was besser oder schlechter ist“, sagt er. „Wahrscheinlich vor 10, 15 Jahren“ habe er zuletzt Fastfood gegessen. Aber er habe nichts gegen Hamburger; „Den mache ich gerne selber, daheim auf dem Grill. Es kommt halt darauf an, was für ein Produkt drinsteht.“

Auszug aus „Kachen 1/2014“

Bei lokalen und regionales Produzenten einkaufen

2014 ist das internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe. Dies klinge irgendwie romantisch und weltfremd, wisse man doch, dass die Agrar- und Lebensmittelindustrie unsere Gewohnheiten und Geldbeutel fest im Griff haben, betont Thierry Origer, Präsident von Slow Food Luxembourg asbl.

Thierry Origer

Thierry Origer, Präsident von Slow Food Luxembourg asbl

„Dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen dieses Jahr ausgerufen hat, ist ein Indiz für die Dramatik, in der sich die Landwirtschaft heute befindet. In der Tat geht es ums Überleben eines nachhaltigen Agrarsystems, das, entgegen den falschen Versprechen der Agrar- und Lebensmittelindustrie mit allem möglichen genetischen Firlefanz den Hunger in der Welt zu stillen, tatsächlich DAS Agrarmodell ist für Ernährungssicherheit und nachhaltige Lebensmittelproduktion, und dies in besonderem Maße in den Entwicklungsländern.

Immer mehr Agrarflächen werden aufgekauft und für andere Zwecke missbraucht, immer mehr Jugendliche kehren dem Bauernberuf den Rücken (in Deutschland sind nur noch sechs Prozent der Landwirte unter 35 Jahren), immer mehr Bauern geraten durch die Abhängigkeit von Land und Saatgut in hoffnungslose Situation (200.000 Kleinbauern haben sich nach Schätzungen ind den letzten zehn Jahren in Indien das leben genommen). Es ist von existenzieller Bedeutung, sich für den erhalt der Agrarflächen und der kleinen und mittleren bäuerlichen Familienbetriebe einzusetzen, wenn wir in Zukunft unsere Ernährungssouveränität bewahren wollen.

Die internationale Slow Food Bewegung setzt sich seit über 25 Jahren (in Luxemburg seit 15 Jahren) in nunmehr über 150 Ländern mit mehr als 100.000 Mitgliedern für diese Ziele ein: Es geht darum, kleine und mittlere, lokale und regionale umweltschonende Agrar- und Lebensmittelbetriebe zu fördern und zu unterstützen. Die Vernetzung aller beteiligten Akteure im Lebensmittelprozess (Produzenten, Verarbeiter, Konsumenten) voranzutreiben. Es ist unumgänglich, eine neue Beziehung zwischen der Agrarwelt und dem städtischen Raum aufzubauen, den jungen Landwirten wieder eine Zukunftsperspektive zu geben und dem Beruf des Landwirtes wieder die Würde zu verleihen, die ihm gebührt. Denn was gibt es Wichtigeres, als gute Lebensmittel zu produzieren!

„Lebensmittel kaufen und essen sind hochgradig politische Handlungen“

Natürlich ist es ein Kampf David gegen Goliath, aber wir alle haben eine Verantwortung und wir haben auch Macht. Lebensmittel kaufen und essen sind auch hochgradig politische Handlungen. Kaufen wir bei lokalen und regionalen Produzenten, die die Umwelt und die am Herstellungsprozess beteiligten Menschen respektieren, Produzenten, die auch hier in Luxemburg oft noch Familienbetriebe sind! Seien wir uns unserer Verantwortung und Macht endlch bewusst!“